Diesmal gab's für die Pyro sogar eine Spielunterbrechung. (Bild vom großartigen www.eintracht-online.net)

Kasperletheater! (Gastbeitrag zum Pyro-Problem)

“In fast jedem Spiel verhöhnen die Pyromanen mit ihrer Zündelei die Fussballfreunde. Man fragt sich, wieso die das immer wieder so ungehindert machen können. Ganz einfach: die Vereine nehmen das in Kauf, weil sie die Ultras nicht verprellen können. Sie sind für den Wirtschaftsfaktor “Stadion-Stimmung” zu wichtig und daher zu mächtig geworden. Die Vereinsfunktionäre, die diese Pyromanen als “Fans” haben, halten ihre schützende Hand über diese, indem sie z.B. wahrheitswidrig und wider besseres Wissen von “einigen wenigen” sprechen, die pyromanisch tätig oder bei deren Aktionen helfend beteiligt sind. Tatsächlich stecken dahinter zahlreiche Ultras, die bestens organisiert…

vorgehen und z.B. die Täter mit ihren Körpern oder hinter hochgehaltenen Bannern vor den Kameras abdecken. Die Kameras sind daher meist wirkungslos. Die Funktionäre wissen das ganz genau. Sie sind aber wirtschaftlich längst von den Ultra-Eventies abhängig. Wenn sie streiken und keine Choreos mehr machen oder keine “Stimmung” und “Support” mehr treiben, bleiben die Logengäste und die anderen zahlreichen Eventies bald weg. Die Ultras haben die Stimmungsmache in den Stadien nahezu vollständig an sich gerissen. Und sie haben damit große Sympathien und viel Zulauf von den Kids, denen sie einen Zusammenhalt bieten.

Ultras nur Stimmungslieferanten und Choreo-Macher?

Aber das wichtigste für die Vereine ist ihre Funktion als Stimmungslieferanten und Choreo-Macher. Das ist der wichtigste Faktor beim Verkauf von Logen, auf den jeder Verein wirtschaftlich angewiesen ist. Der Fussball selbst ist beim Logenangebot zweitrangig. Wichtig ist der Event, den man den Logenkunden anbieten kann. Und den machen die Ultras. Deshalb werden die Pyromanen zwar VERBAL in der Öffentlichkeit verdammt, aber in Wahrheit in Watte gepackt. Es wäre zB einfach, die Eingänge zu den Stehplätzen zu kontrollieren und die Räume der Ultras in den Stadien, die man ihnen für ihre Choreovorbereitungen usw überlassen hat, in denen sie aber auch ihre Pyro ungestört vorbereiten können, vor den Spielen oder auch sonst zu durchsuchen. Wo bleiben ausserdem die Schnüffel-Hunde, die man zum Erschnüffeln der Pyro ausgebildet haben soll. Warum werden die nicht vor den Kurveneingängen eingesetzt ? Nichts dergleichen geschieht aber. Und das mit Grund.

Stehplätze, Eventies und Edelfans

Dazu kommt der Einfluss zahlreicher “Fans”, der vielen Eventies, die weniger wegen des Sports als wegen des Drumherums, wegen des Events ins Stadion gehen, die mit der Pyro und den Pyromanen sympathisieren und das gut finden. Längst stehen in den Kurven nicht mehr nur arme Jugendliche, die sich Sitzplätze nicht leisten können. Die Stehplatz-Dauerkarten werden auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen gehandelt und zahlreiche Banker und Werbemanager gehören zu den Eventies in den Kurven. Es ist lachhaft, wenn etwa Hellmann neulich in einem Interview von den armen Jugendlichen sprach, denen mit den Stehplätzen der Stadionbesuch ermöglicht werden solle. Die Stehplätze sind der Garant für den Wirtschaftsfaktor Stadionstimmung. Und das weiß Hellmann ganz genau.

Zu den Sympathisanten der Ultras gehören auch viele Edelfans und Fanfunktionäre, die sich bei den Ultras auch im Internet anbiedern und für sie dort ihre Lanzen brechen. Anwälte vertreten die Pyromanen kostenfrei in den Verfahren vor Gericht. Dort werden die Kids wegen eines Bagatelldelikts (Hausfriedensbruch, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz im minder schweren Fall…) allenfalls zu gemeinnütziger Arbeit an ein paar Wochenenden verurteilt und verwarnt. Am nächsten Samstag stehen sie mit Stadionverbot trotzdem wieder in der Kurve, nachdem sie von den Kumpels eine andere Karte bekommen haben..

Mehr zum Thema:
Pannen, Pyro, Pleite: Spielbericht zum 1-3 bei Bayer Leverkusen
Eintracht Frankfurt kritisiert DFL-Papier “Sicheres Stadionerlebnis”
Ein Stück Geschichte & das Pyro-Problem
Traurig: Fußballmagazin Kicker hetzt gegen Fußballfans
Zuviele pubertierende Möchtegern-Ultras in der Kurve? Ein Gastbeitrag.

Und der Rest der Kurvensteher traut sich verständlicherweise nicht dazwischen zu gehen, wenn die Raketen abgehen. Klar wäre das zu riskant und gefährlich. Wir haben es tatsächlich schon mit einer Art Ultra-Mafia, nämlich mit vielen offenen und verdeckten, aktiven und passiven Unterstützern auch in gehobenen Funktionen in den Vereinen zu tun. Denn der Fussball ist inzwischen leider Nebensache im Stadion. Wichtiger ist für die meisten der Event, das Drumherum, insbesondere für die wichtigen Logengäste, aber auch für viele “Fans”. Und das macht die Ultras unentbehrlich und mächtig.

Die vom Verband gegen die Vereine verhängten Strafen sind gegen die wirtschaftlichen Folgen eines möglichen Rückzugs der Ultras aus dem Fussball nur Peanuts und ihre Verhängung ist nur Augenwischerei und reines Kasperletheater für die Öffentlichkeit. Augenauswischerei ist daher auch die Aussage der Ultras, sie wären gegen den Kommerz im Fussball. Sie sind in Wahrheit selbst ein wichtiger Bestandteil dieser Kommerzialisierung. Das wissen auch alle am Geschäft Fussball beteiligten und spielen bei ihren Kommentaren nach den Pyros bei Sky brav für uns weiter Kasperle.”

Ein (sicherlich kontroverser) Gastbeitrag von Pedro Granata, der nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von eintrachtpower.de widerspiegelt. Ganz herzlichen Dank dafür!

Was haltet ihr davon?

7 comments

  1. Das die Vereine zu einem gewissen Maße von den Ultras und ihren Aktionen (organisierter Gesang Choreos usw.) abhängig sind, steht meines Erachtens ausser Frage´da eben diese auch so etwas wie ein “Publikumsmagnet”sind und so Geld in die Vereinskasse gespült wird.

    Und ja, es gibt auch solche “Eventfans”, für die das Spiel wohl eher als notwendiges Anhängsel fungiert…

    1. stimme ich 100% zu. die sogenannten Unverzichtbaren braucht im Stadion keiner, außer sie sich selbst. das Gleiche gilt für pyro und choreos

  2. Klingt alles plausibel und teilweise kann ich das auch so bestätigen.
    Aber die stimmungsmachende Wirkung der beschriebenen Fans in deutschen Stadien wird m. E. überschätzt.
    Sie haben sich ein Stimmungsmonopol gebastelt. Über Jahre kommt der Gesang aus einem Block. Das Megaphon ist im wahrsten Sinne des Wortes fest in einer Hand.
    Initialgesänge aus anderen Blöcken wird ignoriert oder – wenn zu laut – übertönt.
    Sollte es passieren (das wird es so schnell nicht), dass diese Fans das Heft aus der Hand geben, dann wird es fast überall genügend andere Fans geben, die in der Lage sind, genügend Stimmung zu machen.
    Dass es anders nicht mehr geht ist eine Legende.

    1. @Schwarz Weiß, bin bei Dir. Dein Wort in Bruchhagens Ohr. Ich fürchte aber, die Funktionäre vertrauen so ohne weiteres nicht auf diese Option. Es ist an der Zeit, es ihnen nachdrücklich nahe zu bringen.

  3. Ich stimme den Worten des Genossen P. vollumfänglich zu. Und seinen Meinung dazu ist auch nicht neu, die hat er auch früher schon im Forum von sich gegeben. Wollte da aber auch kaum jemand hören das man sich mit seiner pseudorevolutionären Attitüde schon lange zum gewollten Event-Kasper gewandelt hat und jedwedes progressive Element, so es denn mal vorhanden war, den überschaubaren Gang des kapitalistischen Verwertungsprozesses genommen hat.

Und was sagst du dazu?